Die Perfektion des Ausdrucks

Studio für Neue Musik bringt die Bratschistin Tabea Zimmermann ins Apollo-Theater

SIEGENER ZEITUNG --- Die Kritik – national, international – überschlägt sich beinahe, schreibt sie über Tabea Zimmermann. Die Rede ist von expressiver Vielfalt, von unbedingtem musikalischen Gestaltungswillen, von unglaublich vitalem Spiel. Was die Bratschistin freut, was aber nicht ihr Maß der Dinge ist. „Am wichtigsten ist die eigene Beurteilung, die eigene Wahrnehmung“, sagt sie im Gespräch mit der Siegener Zeitung. Natürlich gehe es ihr um Perfektion, doch die habe nie die oberste Priorität. Wesentlicher seien für sie der Ausdruck und die Kommunikation mit den Hörern. „Ich möchte so musizieren, dass das, was ich verstehe, ankommt.“ Was im Kopf eines Komponisten erdacht worden ist, soll im Herzen des Publikums etwas bewegen. Es liegt also an der Übersetzerin. Je tiefer sie die Sprache der Musik ergründet, desto genauer kann die Weitergabe sein.

Dabei geht Tabea Zimmermann sehr bewusst wieder und wieder an ihre Grenzen, erlernt konsequent Neues. Wie Heinz Holligers „Trema“, ein Stück von einer „neuen Qualität“, wie sie sagt. Das Koordinationsgefüge von linker und rechter Hand werde vollkommen auseinander gebracht. Die „Unmöglichkeit“ ist eine Herausforderung. Für die Interpretin – für den Hörer nicht unbedingt. Holligers „Trema“ wird eines der Werke sein, das am 28. Mai, 20 Uhr, im Siegener Apollo-Theater zu erleben sein wird. Gemeinsam mit Pianist Hartmut Höll, mit dem Tabea Zimmermann seit über 20 Jahren kammermusikalisch unterwegs ist, konzertiert die Bratschistin auf Einladung des Studios für Neue Musik der Universität Siegen. Außerdem auf dem Programm: Brahms' Sonate op. 120 Nr. 1, die von György Ligeti eigens für Tabea Zimmermann komponierte Sonate für Viola solo und Schostakowitschs Sonate für Bratsche und Klavier op. 147. Eine Mischung also aus Altem und Neuem. Beides bezieht Tabea Zimmermann aufeinander. Weil das Neue den Blick auf das Alte verändert.

Ausschließlich Repertoire zu spielen, so die 41-Jährige, „wäre für mich undenkbar, weil es meinen Kopf und meine Seele nicht ausfüllen würde. Routine ist für mich absolut tödlich.“ Und das nicht allein im solistischen Spiel, sondern auch im Quartett. Hier wie dort liege der Anspruch in der Perfektion des Ausdrucks, im Versuch (und im Gelingen), eine gemeinsame Idee mit vier verschiedenen Stimmen zu formulieren. 2004 hat Tabea Zimmermann in den Geigern Antje Weithaas und Daniel Sepec sowie dem Cellisten Jean-Guihen Queyras Kollegen gefunden, die ein „tiefes gemeinsames Verständnis“ von Musik verbindet. „Ein Geschenk!“

15 Jahre spielte sie mit ihren beiden Schwestern als Streichtrio, später bei vielen Kammermusikfestivals in gemischten Besetzungen. Doch blieb „fast immer der Wunsch offen, an wirklich (!) gemeinsamem Ausdruck“. Die „Festivals der schnellen Begegnungen und des schnellen Abschieds“ waren für Tabea Zimmermann letztendlich unbefriedigend. Umso größer ist ihre Freude, dass sich für sie in diesem Quartett ein „großer Traum“ erfüllt. Jeder könne sich zu 100 Prozent mit seiner Individualität einbringen und jeder stelle zu 100 Prozent den Komponisten in den Vordergrund. Das sei Werkkultur statt Interpretenkultur – und damit im Grunde die Umkehrung dessen, was augenblicklich im Musikbetrieb vorherrschend sei.

Tabea Zimmermann ist sich dessen bewusst, dass sie keine „Musik für die Masse“ spielt, aber sie macht diese Musik verständlich. Als Dozentin in Berlin, in den Konzertsälen der Welt, bei Kammermusikfestivals, auf CDs – oder demnächst im Studio für Neue Musik ...

Claudia Irle-Utsch

 

Tabea Zimmermann

Tabea Zimmermann gilt als weltweit führende Bratschistin. 1966 in Lahr geboren, erhielt sie bereits im Alter von drei Jahren ihren ersten Bratschenunterricht, mit fünf Jahren kam Klavierunterricht hinzu. Sie studierte bei Ulrich Koch an der Musikhochschule Freiburg, anschließend bei Sandor Végh am Salzburger Mozarteum. Wettbewerbserfolge krönten ihre Ausbildung. Von 1987 bis 2000 konzertierte sie regelmäßig mit David Shallon, dem verstorbenen Vater ihrer Söhne Yuval und Jonathan. Tabea Zimmermann ist mit dem amerikanischen Dirigenten Steven Sloane verheiratet; 2003 wurde Tochter Maya geboren. Seit Oktober 2002 arbeitet die Bratschistin als Professorin an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin. Zuvor unterrichtete sie an der Musikhochschule Saarbrücken und der Hochschule für Musik in Frankfurt. Tabea Zimmermann ist regelmäßig zu Gast bei großen internationalen Orchestern wie den Berliner Philharmonikern oder dem London Symphony Orchestra. Mit letzterem spielte sie jüngst live Berlioz' „Harold en Italie“ auf CD ein. Im Bereich der Kammermusik liegt ein besonderer Schwerpunkt auf der Arbeit mit dem Arcanto Quartett. Tabea Zimmermann hat das Interesse vieler zeitgenössischer Komponisten für die Bratsche geweckt und zahlreiche neue Werke in das Konzert- und Kammermusikrepertoire eingeführt. Ausgezeichnet wurde sie u.a. 2006 mit dem Paul-Hindemith-Preis der Stadt Hanau.